Gemeindereport

Volles Programm,
kirchliches Profil


Martin-Luther-Gemeinde in Dietzenbach möchte mit ihrem Angebot möglichst alle erreichen


DIETZENBACH. Die Waldstraße im Ortsteil Steinberg. Nach ein paar hundert Metern wird aus der scheinbar ruhigen Siedlungs- eine hektisch befahrene Durchgangsstraße mit anliegenden Firmen und Speditionen. Tag für Tag fahren Tausende von Menschen auch an einem kleinen Gebäude vorbei, das sich, etwas zurückgesetzt von der Straße, unter Bäumen versteckt.

Von Barbara Scholze


Nur wenige erkennen oder wissen, dass das lang gezogene Häuschen mit dem Jägerzaun davor eine Kirche ist: Die Waldkapelle der Martin-Luther-Gemeinde Dietzenbach-Steinberg kommt nicht spektakulär daher, sondern besticht seit mehr als 50 Jahren durch ihre unaufdringliche, aber beharrliche Beständigkeit. Spätestens seit einer durchgreifenden Renovierung im Jahr 1998 hat die Kapelle mit ihren beiden Anbauteilen eine ganz besondere Atmosphäre. Die großen Glaskunstfenster von Robert Münch, viele Gemeindemitglieder konnten dort handschriftlich ihre Gebete und Wünsche einlassen, das Kruzifix von Hans Schmandt und der kreuzförmig angelegte Travertinfußboden verleihen der kleinen Kirche Gesicht und Würde.

Unaufdringlich und schlicht:
Auf das Wesentliche konzentriert präsentiert sich das Innere der Waldkapelle in Dietzenbach-Steinberg.
Fotos: Scholze



So gegensätzlich und vielseitig wie ihr Kirchenraum gestaltet sich auch das Leben der Steinberger Gemeinde. Nach dem Zweiten Weltkrieg Zuzugsgebiet für Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Gebieten, besteht der Dietzenbacher Ortsteil heute aus einer eher inhomogenen Gemeinschaft von Menschen unterschiedlichster Prägung. „Wir wollen versuchen, möglichst alle Menschen in allen Lebenslagen in unserem Gemeindegebiet zu erreichen“, formulieren Pfarrer Uwe Handschuch und Pfarrvikarin Amina Bruch ihr Arbeitsziel. Ein ehrgeiziger Wunsch bei etwa 11 000 Menschen im Wohngebiet, darunter 2651 Gemeindemitglieder. Um ihn zu erfüllen, haben sich die Pfarrer für den mühsamen Weg entschieden: Nach der Eichhörnchen-Methode besuchen sie Neubürger, laden persönlich zu den Gemeindefesten ein und werben für die Konfirmation. „Die Leute sollen wissen, wie ihre Pfarrer heißen und wofür sie zuständig sind“, erklärt Handschuch. „Wir glauben, dass die intensive Kontaktmethode auf Dauer erfolgreicher ist als spektakuläre Aktionen.“ Denn „Kirche soll zur Normalität gehören“, jeder Einzelne als Multiplikator wirken.

Beispielsweise bei der Arbeit mit Senioren. Zwei große Altenzentren – eine städtische Anlage und ein Haus des Roten Kreuzes – liegen im Gebiet der Martin-Luther-Gemeinde. Etwa 50 Bewohner nehmen regelmäßig an den Gemeindegottesdiensten teil. Ermöglicht wird dies durch ehrenamtliche Mitarbeiter, die die Senioren abholen, zurückbringen und auch sonst betreuen. Im Wechsel mit dem Kollegen der katholischen Gemeinde Dietzenbach halten der Pfarrer und die Pfarrvikarin auch Gottesdienste vor Ort. Im städtischen Seniorenzentrum findet ein Gesprächskreis mit Uwe Handschuch regelmäßig große Resonanz. Wichtig ist der Austausch, weiß der Pfarrer: „Die Leute wollen gerne von früher erzählen.“ Große Erfolge, sogar weit über das Stadtgebiet hinaus, hat die Gemeinde mit der Seniorenaktion „Treffpunkt“. Mindestens 40 Besucher kommen im Schnitt zu den vierzehntägigen Treffen, die Initiatorin Rosel Klößmann neben einem vielseitigen Vortrags- und Ausflugsprogramm auch mit einem abwechslungsreichen kulinarischen Angebot zu würzen versteht. Insgesamt 17 000 Gäste zählten die Organisatoren in den vergangenen Jahren.

Akzent im Kirchenraum – die Farbfenster von Robert Münch.



Die Gemeindegruppen treffen sich im „Haus des Lebens“. Im Windschatten der Hochhäuser und in unmittelbarer Nachbarschaft eines Einkaufszentrums hat die Martin-Luther-Gemeinde vor 20 Jahren ihr Zentrum gebaut. Neben der eigenen Nutzung werden die Räume regelmäßig für Familienfeiern vermietet. Meist kein Problem. Allerdings erhielt das Pfarrbüro immer öfter Anrufe, vor allem von ausländischen Mitbürgern, die die „Halle“ mieten wollten. „Wir mussten also auch ein äußeres Zeichen für das christliche Leben in unserem Haus setzen“, erklärt Pfarrer Handschuch. Und so hat das „Haus des Lebens“ seit gut einem Jahr auch ein „Kreuz des Lebens“ auf dem Dach. Gestaltet von dem Künstler Robert Münch, symbolisiert es mit den Zeichen Wasser, Fisch, Baum, Vogel, Mensch und Gestirne die Schöpfung, das Leben und die Auferstehung.

Gleich neben dem „Haus des Lebens“ haben die Pfadfinder ihr Lager aufgeschlagen und sich in Eigenleistung sogar ein Haus gebaut. Etwa 80 Kinder und Jugendliche nehmen dort an den Gruppen teil, gemeinsame Gottesdienste mit der Gemeinde schlagen die Brücke zwischen Jung und Alt.
Nach der letzten Konfirmation hat sich eine neue Gruppe gebildet, die sich inzwischen unter dem Namen „Die Bizarre Jugend Von Heute“ regelmäßig trifft. Unterstützung gibt es von einer Gemeindepädagogin. Einen festen Platz im Leben der Steinberger hat die Musik. Es gibt Flötenkreise für Kinder und Erwachsene, der Posaunenchor bietet neben den üblichen Probezeiten Extra-Stunden für Anfänger. Bekannt über Dietzenbach hinaus sind die Gitarrenkreise „Doremi“ und „Saitensprung“, die sich mit einem Repertoire von irischen Melodien über schwungvolle Kirchenlieder bis zu Eigenkompositionen einen Namen gemacht haben. Die Arbeitsgruppe „Kirchentanz“ macht sich die Wiederbelebung traditioneller mittelalterlicher Tänze zur Aufgabe und setzt biblische Geschichten in Bewegung um.

Getreu dem Vorsatz, möglichst alle Menschen zu erreichen, legen Handschuch und Bruch weitere Schwerpunkte auf die Arbeit mit jungen Familien, denn „Steinberg ist nach wie vor Zuzugsgebiet“. So gibt es Elternseminare und Vorträge, die sich mit kirchlichen Themen, aber auch mit der Frage nach Sinn und Zweck von Schutzimpfungen beschäftigen. Der Gesprächskreis „Sauerteig“ greift einmal im Monat theologische und politische Themen auf. Gut angenommen wurde eine Familienfreizeit mit Pfarrvikarin Amina Bruch, die im vergangenen Jahr erstmals stattfand und nun eine Wiederholung finden soll.

Das überaus vielschichtige Profil der Martin-Luther-Gemeinde erklärt Uwe Handschuch auch mit den häufigen Wechseln im Pfarramt. Beim Weggang habe jeder Kollege etwas Dauerhaftes hinterlassen.

Quelle: Evangelische Kirchenzeitung Frankfurt am Main 2002